Herzlich Willkommen! Entdecken Sie die Nachstellung der SSC Cafeteria an unserem Campus auf interaktive Weise und bewegen Sie sich durch den Raum. Hören Sie sich währenddessen die verschiedenen Geschichten an.
Verschiedene Räume in einer Cafeteria? Jede Geschichte zeigt, wie sich durch das Zusammenspiel von Menschen, Objekten und Technologie unterschiedliche sozio-materielle Räume in der Cafeteria konstituieren.
Die Wunder der Kopfhörer
Die Macht der Kaffeemaschine
Unüberwindbares Hindernis
I got the power
Hinter der Theke
Der stille Raumgestalter
Hinweis: Die in den Geschichten verwendeten Namen sind frei erfunden und haben keinen Bezug zu realen Personen.
Aktant: Die Verwendung des Begriffs „Aktant“ anstelle von „Akteur“ unterstreicht die Tatsache, dass Netzwerke sowohl aus nicht-menschlichen als auch aus menschlichen Elementen bestehen. Alle Aktanten werden durch das Akteur-Netzwerk, von dem sie Teil sind, hervorgebracht (d. h. sie erhalten ihre spezifischen Merkmale und Eigenschaften). (Järvinen, & Mik-Meyer, N, 2020, S.361)
Erklärung zu den Schriftarten:
Unser Projekt basiert auf dem Konzept der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT). Die ANT wendet sich gegen die strikte Trennung zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem. Stattdessen betrachtet sie alle Elemente Menschen, Objekte, Technologien - als Aktanten, die durch ihre wechselseitigen Beziehungen Netzwerke bilden. Mit dieser Perspektive werden die Grenzen zwischen Materialität und Sozialem aufgehoben und stattdessen die Dynamik von Netzwerken in den Fokus gerückt (Järvinen & Mik-Meyer 2020: 328).
Im Zentrum unserer Untersuchung steht die Frage, wie der Raum der Cafeteria durch Netzwerke von Aktanten geformt und geprägt wird. Wir analysieren, wie Verbindungen zwischen diesen Aktanten geschaffen werden und wie daraus bestimmte Praktiken, Bedeutungen und Handlungsmöglichkeiten entstehen. Die ANT hilft uns, sichtbar zu machen, wie sich Handlungsmacht zwischen Menschen und materiellen Objekten verteilt, ohne dabei den Objekten eine passive Rolle zuzuschreiben.
Durch diesen Zugang wird die Cafeteria als ein dynamischer Ort sichtbar, in dem sich verschiedene Räume durch das Zusammenspiel von Menschen und Dingen konstituieren und unterschiedliche Praktiken entfalten.
Wir haben die teilnehmende Beobachtung genutzt, um die Zirkulationen und Praktiken in der Cafeteria zu untersuchen und zentrale Aktanten wie Personal, Studierende, Tische, Kaffeemaschinen und Steckdosen zu identifizieren. Um unser Vorgehen methodisch fundiert zu gestalten, haben wir uns auf die Ethnographie nach Breidenstein et al. (2015) gestützt. Diese wurde in Kombination mit der ANT angewandt, die sowohl als theoretischer Rahmen als auch als methodischer Ansatz genutzt werden kann. Vor Ort haben wir beobachtet, wie Menschen mit materiellen Elementen interagieren und welche Routinen sie entwickeln, z. B. bei der Sitzplatzwahl oder beim Umgang mit der Theke. Dadurch konnten wir die Cafeteria als dynamisches Netzwerk verstehen, in dem Praktiken und Beziehungen ständig neu verhandelt werden
Ergänzend haben wir die räumliche Anordnung sowie die Praktiken mithilfe von Notizen, Skizzen und Fotografien dokumentiert und diese systematisch in Notion zusammengeführt. Diese Dokumentation diente dazu, die Verbindungen zwischen den Aktanten präziser zu analysieren und eine Grundlage für die weitere theoretische Auseinandersetzung zu schaffen
Basierend auf unseren Beobachtungen haben wir ein Netzwerk-Mapping erstellt, um die Interaktionen der verschiedenen Aktanten zu visualisieren. So konnten wir die Beziehungen im Raum übersichtlich darstellen. Im Rahmen der Mapping-Versuche strebten wir an, die aussagekräftigste Visualisierung zu entwickeln, indem wir verschiedene Ansätze und Darstellungsformen iterativ erprobten.
Wir haben informelle Gespräche mit dem Personal und den Besucher:innen der Cafeteria geführt. Diese Gespräche gaben uns Einblicke in die Wahrnehmungen und Motivationen der Menschen hinter den beobachteten Praktiken. In den Gesprächen zielten wir darauf ab, Antworten auf unsere Fragen zu erhalten, die sich auf die Gründe für ihre Anwesenheit sowie auf die von ihnen aufgebauten Beziehungen zu den Materialien und deren bedarfsgerechter Nutzung bezogen.
Die erhobenen Daten - darunter Beobachtungsprotokolle, Notizen aus informellen Gesprächen und Fotografien - wurden systematisch analysiert, um die Dynamiken innerhalb der identifizierten Netzwerke zu erfassen. Der Fokus der Analyse lag auf der Untersuchung der Rolle der verschiedenen Aktanten sowie auf der Wechselwirkung zwischen sozialen und materiellen Elementen, durch die der Raum gemeinschaftlich geformt wird.
Im Rahmen der Auswertung wurden unterschiedliche Kodierungen entwickelt und unter spezifischen Überschriften strukturiert. Diese Kodierungen bildeten die Grundlage für die Ableitung von Kategorien, welche die Identifikation sozio-materiell konstituierter Räume ermöglichten.
Für unsere Analyse haben wir verschiedene Fallstudien herangezogen, darunter Arbeiten von Laurier (2008), Ayaß (2020), Bernhardt (2023) sowie Laurier, Whyte und Buckner (2001), und diese als Grundlage für die angewandten Analysemethoden genutzt.
Für die Visualisierung unserer gesammelten Daten haben wir die passendsten Methoden recherchiert und eine dreidimensionale Darstellung entwickelt. Ziel war es, die Daten auf eine klare und detailreiche Weise zu präsentieren und dabei die wichtigsten Erkenntnisse durch Datengeschichten hervorzuheben. Zusätzlich haben wir ein interaktives Kartenspiel sowie ein Conceptboard gestaltet, um den Besucher:innen die Objekte und Denkprozesse anschaulich zu vermitteln.
In diesem Spiel können Sie die zentralen Objekte der Cafeteria erkunden: Welche Macht besitzt welches Objekt in der SSC Cafeteria? Ordnen Sie die Bilder den passenden Beschreibungen zu. Erfahren Sie, welche Rolle jedes Objekt in den Praktiken und Abläufen des Raumes spielt.
In der Cafeteria entfalten sich viele Entscheidungspraktiken. Diese Visualisierung zeigt exemplarisch, wie solche Entscheidungen gestaltet werden können: Materialität (Dreieck), individuelle Bedürfnisse (Viereck) und soziale Dynamiken (Kreis) sind dabei zentrale Elemente. Finden Sie sich in diesen Überlegungen wieder?
Hinweis: Die dargestellten Entscheidungspraktiken basieren auf den Daten, die wir im Rahmen unserer Forschung durch Beobachtungen und informelle Gespräche in der Cafeteria erhoben haben. Das Diagramm ist eine analytische Rekonstruktion, die typische Muster und Verflechtungen sichtbar macht, wie sie sich aus unserer Datenanalyse ergeben haben. Es handelt sich dabei nicht um direkte Beschreibungen einzelner Beobachtungen, sondern um eine abstrahierte Darstellung der analysierten Entscheidungsprozesse.
Mit unserer Data-Story wollen wir eine neue Perspektive auf einen alltäglichen Ort einnehmen. Unser Ziel ist es, die Cafeteria nicht nur als physische Umgebung zu betrachten, sondern als ein Netzwerk, in dem Menschen und Dinge gemeinsam Praktiken formen und Räume gestalten. Es wird deutlich, wie eng soziale Dynamiken und materielle Gegebenheiten miteinander verflochten sind. Wir wollen die Menschen dazu ermutigen, mehr über sozio-materielle Zusammenhänge nachzudenken und diese Denkweise in ihrem täglichen Leben an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten anzuwenden.
Das Projekt Unsichtbare Netzwerke ist ein gemeinsames interdisziplinäres Forschungsprojekt von Studierenden der Sozialwissenschaften und der Angewandten Informatik.
Das Projekt wurde im Rahmen des Forschungsseminars „Digitale Methoden und Kritische Datenforschung“ unter der Leitung von Prof. Dr. Estrid Sørensen und Mace Ojala im Sommersemester 2024 und Wintersemester 24/25 durchgeführt.
Literaturverzeichnis
Hier findet ihr die Literatur, aus der auf unserer Website zitiert wird:
Literatursammlung
Hier ist die Literatur aufgelistet, die uns bei unserem Projekt inspiriert hat und aus der wir theoretische Ansätze für unsere Forschung gewonnen haben:
• Árnadóttir ÁD, Kok G, Van Gils S, Ten Hoor GA (2019). Waste Separation in Cafeterias: A Study among University Students in the Netherlands. International Journal of Environmental Research and Public Health 16(1):93.
• Ayaß, Ruth (2020) Doing Waiting: An Ethnomethodological Analysis. In: Journal of Contemporary Ethnography 49 (4), S. 419-455.
• Bernhardt, A. (2023). Coworking Atmospheres: On the Interplay of Curated Spaces and the View of Coworkers as Space-acting Subjects. Springer Nature.
• Breidenstein, Georg / Hirschauer, Stefan / Kalthoff, Herbert / Nieswand, Boris (2015) Ethnographie: Die Praxis der Feldforschung. 2. Aufl. Konstanz und München: UVK Verlagsgesellschaft mbH.
• Burga, Ruben & Rezania, Davar. (2017). Project Accountability: an exploratory case study using actor-network theory. International Journal of Project Management. 35. 1024-1036.
• Fritz, T. (2023). Alternative Lernorte/-räume. In: Boeckmann, KB., Schweiger, H., Reitbrecht, S., Sorger, B. (eds) IDT 2022 *mit.sprache.teil.haben Band 1: Mit Sprache handeln. Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. KG, Berlin.
• Kneer, G. (2008). Bruno Latours Kollektive Kontroversen zur Entgrenzung des Sozialen (Orig.-Ausg., 1. Aufl.). Suhrkamp
• Latour, Bruno; Woolgar, Steve (1986) Laboratory Life. The Construction of Scientific Facts. Princeton: Princeton University Press.
• Latour, B. (2012). The Berlin Key or How to do Words with Things 1. In Matter, materiality and modern culture (pp. 10-21). Routledge.
• Latour, B. (2010). Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie (1. Auflage). Suhrkamp.
• Latour, B. (2008). Wir sind nie modern gewesen Versuch einer symmetrischen Anthropologie (1. Auflage). Suhrkamp.
• Laurier, E., Whyte, A. and Buckner, K. (2001) An ethnography of a neighbourhood café: informality, table arrangements and background noise. Journal of Mundane Behaviour, 2(2), pp. 195-232.
• Laurier, Eric & Philo, Chris. (2005). The Cappuccino Community: cafés and civic life in the contemporary city.
• Laurier, Eric (2008): How Breakfast Happens in the Café. In: Time & Society 17 (1), S. 119-134.
• Lev Manovich (2001) The Language of New Media. In Classics in Media Theory (1st ed., S. 212-244). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003432272-29
• Nussbaumer Knaflic, C., Kauschke, M., Verlag Franz Vahlen, & Verlag Franz Vahlen. (2017). Storytelling mit Daten die Grundlagen der effektiven Kommunikation und Visualisierung mit Daten. Verlag Franz Vahlen.
• Schatzki, T.R. (2016). Materialität und soziales Leben.
• Schraube, Ernst & Sorensen, Estrid. (2013). Exploring Sociomaterial Mediations of Human Subjectivity. Subjectivity. 6. 1-11. 10.1057/sub.2012.30.
• Sørensen, Estrid (2018) Materialität, In: Kölbl, C. / Sieben, A. (Hrsg.), Stichwörter zur Kulturpsychologie, Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 255-261.
• Meyer, Daniel; Reuter, Julia; Berli, Oliver (Hg.): 2022 Ethnografie der Hochschule. Bielefeld, Germany: transcript Verlag.
• Yau, N. (2014). Einstieg in die Visualisierung wie man aus Daten Informationen macht (1. Aufl.). Sybex.
• Watson, G. (2007). Actor network theory, after-ANT & enactment: implications for method. Retrieved May, 21, 2021.
• Wieser, Matthias (2006): Naturen, Artefakte und Performanzen - Praxistheorie und Akteur-Netzwerk-Theorie. In: Martin Voss und Birgit Peuker (Hg.): Verschwindet die Natur? transcript Verlag, S. 95-110.