Neuland Bibliothek

Ari staunte, als sie durch die Eingangstür trat. „Ist das riesig hier!“ Selbst beim zweiten Besuch fühlte sich der Ort überwältigend an, genauso wie beim ersten Mal. Ari hatte sich mit Lena und Paul an einem Lernplatz verabredet – aber wo genau? Der Eingang schien endlos, ein Meer aus Köpfen, die alle ihren eigenen Wegen folgten. Doch von den beiden, die Ari suchte, war keine Spur zu sehen.

Nach kurzem Überlegen entschied sich Ari, im Zeitschriftenbereich nachzusehen. Dort war sie beim letzten Mal gewesen und hatte gehofft, dass die anderen vielleicht denselben Gedanken gehabt hätten. Irgendetwas hatte dieser Ort an sich, eine ganz eigene Atmosphäre. Während Ari durch die Reihen schlenderte, fiel ihr etwas auf: Sie hatte noch nie eine der Zeitschriften gelesen, aber die Ständer voller bunter Hefte gaben dem Raum etwas Besonderes. Dennoch blieb Ari bei ihren Moodle-Texten. Als ihre Kommiliton*innen auch hier nicht auftauchten, beschloss sie, die nächste Etage zu durchsuchen.

Doch schon nach ein paar Schritten merkte Ari, dass sie falsch abgebogen war. Sie fühlte sich wie ein Fremdkörper in dieser heiligen Halle der Konzentration. Die kleinen, abgeschotteten Tische wirkten wie winzige Festungen, in denen Gedanken geordnet und Pläne geschmiedet wurden. Einige Studierende saßen tief über ihre Bücher gebeugt, andere tippten mit einer Geschwindigkeit, die nur von purer Panik stammen konnte. Ari hatte das Gefühl, angestarrt zu werden – oder bildete sie sich das nur ein? Es wurde ihr warm. „Nichts wie weg hier“, murmelte sie. Sie brauchte dringend ein Wasser zum Abkühlen. Leider hatte sie ihre Trinkflasche vergessen, also machte sie sich auf den Weg zum Café in der Nähe.

Während sie in der Schlange auf ihr Wasser wartete, ließ Ari den Blick über das Angebot an Kuchen und Sandwiches schweifen. Plötzlich schob sich ein vertrautes Grinsen in ihr Sichtfeld. „Na, auch endlich da? Wir dachten schon, du kommst gar nicht mehr!“

Ari schnaufte, halb erleichtert, halb genervt. „Im Café? Ich habe euch überall gesucht – nur nicht hier.“

Paul zuckte mit den Schultern. „Warum sollen wir irgendwo sitzen, wo es ungemütlich ist? Hier ist es doch perfekt: ein bisschen Musik, Kaffee in Reichweite, und man kann sich sogar unterhalten.“

Ari ließ sich auf den Stuhl neben ihnen fallen. „Musik, Gespräche und Kuchen? Das nennt ihr ideal für konzentriertes Lernen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wisst ihr, wo ich zuletzt war? Im Zeitschriftenbereich. Da war es angenehm ruhig, und ich konnte endlich mal produktiv sein.“

Paul grinste. „Ruhig, ja. Aber auch langweilig. Ich brauche einfach die Geräusche um mich herum. Und mal ehrlich, wer lernt nicht besser mit ein bisschen Musik in den Ohren?“

Lena schüttelte nur den Kopf über Pauls Aussagen und Ari musste lachen, trotz allem. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht war die Bibliothek nicht nur ein Ort, um in absoluter Stille zu arbeiten. Vielleicht konnte Lernen auch bedeuten, mit Freund*innen zusammenzusitzen und den Moment zu genießen – selbst wenn zwischen ihnen Kuchen und Musik lagen.

“So, zeigt ihr mir jetzt die Bibliothek?” fragte Ari voller Vorfreude, diesen Ort kennen zu lernen.